Erstens kommt es anders.

Das hat mein Papa immer gesagt: Erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt.
Als mein Lieblings-Auftraggeber für Abenteuer auf See mich Anfang des Jahres endlich mal wieder fragte, ob ich für ihn arbeiten wolle (ja, natürlich wollte ich!), war das das Angebot: In Lissabon einschiffen, von dort über Hamburg und Helgoland nach Island. Und dies mein Plan: Vor dem Einschiffen ein paar Tage mit dem Liebsten in Lissabon verbringen und die Stadt erkunden, und nach dem Ausschiffen in Island einen Großeinkauf Lakritze tätigen, bevor es zurück nach Hause geht.
Einen Teil meines Plans habe ich auch direkt umgesetzt: Der Beste Ehemann der Welt und ich brachen gemeinsam Richtung Lissabon auf, mit unterschiedlichen Flügen, aber demselben Ziel. Ich war vor ihm dort, und holte ihn – aufgeregt, mit klopfendem Herzen, schwitzigen Fingern und einer Rose in der Hand – vom Flughafen ab. Wir verbrachten ein paar herrliche gemeinsame Tage, genossen laues Frühlingswetter, ließen uns treiben und uns wie alle anständigen Touristen von schlechten Gastronomen neppen, trafen aber auch, ganz unerwartet, auf eine wunderbar charmante Modistin, aßen in einem senegalesischen Restaurant auf Plastikstühlen und erfreuten uns im Campo dos Mártires da Patria an den Hühnern, die dort frei herumlaufen und das tun, was Hühner eben tun: Uns mit ihrem Wesen beseelen. Tja, und gerade als der erste Gedanke daran aufkam, dass ich bald (endlich) wieder schwankenden Schiffsboden unter den Füßen haben würde, kam die Email: Es sei ein Kollege an Bord eines anderen Schiffes ausgefallen – ob ich eventuell bereit sei, kurzfristig auf einem anderen Schiff zu arbeiten?



Ja, natürlich war ich. Schwups, stieg ich statt auf ein Schiff in ein Flugzeug und wurde nach Glasgow geflogen, wo ich dann halt auf ein anderes Schiff steige und statt Richtung Island nun Richtung Britische Inseln aufbreche. So viel zum Thema Lakritze. Die Britischen Inseln sind ein lang gehegter Traum, der in Erfüllung geht, aber mit isländischer Lakritzfertigkeit können sie nicht mithalten. Ein neues Team, ein neues Schiff, ein neues Ziel, und – offen gestanden – nicht genug Unterbuxen eingepackt: Toll!! Alles ist beängstigend, aufregend und neu; ich muss umdenken, neu lernen – was könnte es Schöneres geben? Routine ist bekanntermaßen bequem, aber tödlich; Lebendigkeit entsteht doch aus dem Unerwarteten, dem Überraschenden, dem Herausfordernden.
Und so sitze ich, die vor ein paar Tagen noch gesagt hat, dass sie lieber gar nicht als allein verreisen würde, in meinem Hotelzimmer und lasse die letzten zwei Tage Revue passieren, in denen ich mich ganz allein mit den Wehen des öffentlichen Transports herumgeschlagen habe, allein in einer aufregend ranzigen Fish’n-Chips-Bude die besten Fish’n Chips ever gegessen habe, und mich ganz allein über den postkartenblauen Himmel gefreut habe. Geht also doch!
Pläne, stelle ich fest, sind – erstens – etwas Wunderbares. Besonders, wenn man sie – zweitens – einfach mal über Bord werfen kann.


