Sind Schafe schlau?

Sind Schafe schlau?

Heute habe ich unsere Gäste zu ihrem Ausflug auf den Reiterhof begleitet. Ruska Laukka heißt der kleine Betrieb: Ruska ist die finnische Bezeichnung für die als „Indian Summer“ bekannte Jahreszeit, in der sich die Blätter der Laubbäume verfärben und die Landschaft in warme Herbsttöne kleiden.

Der kleine, privat geführte Reiterhof hat einen Reitschulbetrieb, bietet therapeutisches Reiten, Ausritte für Gäste und winterliche Schlittenfahrten an. Etwa fünfzehn gutmütige Finnpferde tragen Reitanfänger und Touristen brav durch ihre Reitstunde oder ihren Ausritt und verdienen sich so ihren Hafer. Neben den Finnpferden nennen noch zwei Katzen, eine Handvoll Hühner, ein Shetlandpony und ein Islandpferd sowie drei bezaubernde Schafe den Hof ihre Heimat.

Die Tiere werden hier alle geliebt und artgerecht versorgt. Finnpferde sind die einzige wahrlich finnische Pferderasse und zählen zu den Kaltblütern (umgangssprachlich: den Brauereipferden), aber sie sind erheblich zierlicher, wendiger und lebhafter als die meisten Kaltblutrassen. Es sind Allrounder, die sowohl als Reittiere als auch als Kutsch- oder Schlittenpferde oder Zugtiere zum Einsatz kommen können – in der finnischen Forstwirtschaft spielten sie lange eine wichtige Rolle, und kommen bis heute dort zum Einsatz, wo schweres Gerät zu große Forst- und Bodenschäden verursachen würde. Sie sind geduldig und gutmütig, ausdauernd, zäh und robust. Eigentlich schade, dass man die Rasse außerhalb Finnlands kaum kennt.

Aber was ich Euch eigentlich über den Hof erzählen möchte, ist eine Anekdote über die Schafe. Auch die Schafe werden, wie die Pferde, ganzjährig in Offenstallhaltung gehalten. Im Sommer laufen sie überall auf dem Gelände einfach frei herum, den Winter verbringen sie jedoch meist in ihrem eigenen Gehege: Dann liegt so viel Schnee, dass sie nicht mehr unter dem Zaun hindurchpassen. Der Winter in Finnland ist kalt, und die Schafe schützen sich mit einer dicken Wollschicht vor der Witterung. Aus dem riesigen wolligen Wattebausch guckt vorn nur noch ein dunkles Köpfchen heraus – und unten vier Beinstummel, mit denen sie über den Schnee flitzen.

Bei der Führung über den Hof erzählt uns Rebe, dass die Schafe jedes Jahr geschoren werden, im Frühjahr, wenn der Schnee beginnt zu schmelzen. Wenn der riesige Wollberg vom Schaf heruntergeschoren ist, ist gar nicht mehr viel von dem Tier übrig: Statt der annähernd kugeligen Woll-Wolke ist nun nur noch ein zierliches, rosafarbenes Schäflein übrig, das über so erstaunliche Dinge wie einen Hals und richtige Beine verfügt. „Kaum wiederzuerkennen“ ist dabei glatt noch untertrieben – im Gegenteil: Nach der Schur erkennen sich die drei Hofschafe tatsächlich nicht mehr wieder! Nicht nur optisch haben sie sich so stark verändert, dass sie sich auf einmal gänzlich fremd sind: Die Wolle speichert ja auch Gerüche, und die sind nun mit abgeschoren worden. Auf einmal können die Schafe sich nicht mehr riechen.

Tja, und so fechten jedes Jahr im Frühjahr dieselben drei Schafe erneut ihre Kämpfe um die Rangordnung in der Mini-Herde aus, und jedes Jahr auf’s Neue gewinnt dasselbe Schaf. Über den Sommer kommt man sich dann wieder näher, und den Winter verbringt jedes der drei Schafe dann mit seinen besten Kumpels. Bis zur Schur im nächsten Frühjahr, wenn seine Kumpels wieder von Aliens entführt werden und man sich wieder mit zwei Fremden herumschlagen muss.

Schafe, hat die Wissenschaft festgestellt, sind ähnlich intelligent wie Schweine. Also eigentlich kluge Tiere, aber ihnen eilt der Ruf voraus, sie seien nicht die hellsten Kerzen im Kronleuchter des Tierreichs. Möglicherweise besteht da ein Zusammenhang mit Anekdoten wie dieser.

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